Familienchronik

Meine „Tante“ Erna (eigentlich Tante meines Vaters), hat sich die Mühe gemacht über viele Jahre hinweg die Geschichte unserer Familie niederzuschreiben. Mein Vater hat noch vier Geschwister und jeder erhielt ein wunderbares Album mit Stammbaum, Fotos und der Familiengeschichte. Dazu aufgelistet nahezu jedes Familienmitglied mit Partner bzw. Kindern und Anschrift. Ich bin immer wieder gerührt wie liebevoll sie dies alles arrangiert hat und wie viel Mühe dahintersteckt.

 

Aber lassen wir nun Tante Erna erzählen:

„Ich will versuchen über die Vergangenheit zu berichten. Unsere Vorfahren sollen mal von Österreich in die Warschauer Gegend ausgewandert sein. Vermutlich wurden Anhänger der Augsburger-Lutherischen Kirche verfolgt.

 

Großvater Julius wurde am 25.12.1869 in der Warschauer Zitadelle geboren. Er wird als junger Ehemann, verheiratet mit Mathilde, den Ort verlassen haben und in die Ukraine verzogen sein, denn meine Mutter ist die Älteste und am 04.12.1893 in Josefin zur Welt gekommen. Tante Wanda, eine Cousine meiner Mutter, erzählte sie mussten tagelang mit dem Güterzug fahren um dorthin zu gelangen. Das weiße Haus war mit Blumen eingerahmt. Im großen Obstgarten blühten viele Tulpen. Sie wurden nach dem Verblühen abgemäht.

 

Großmutter Mathilde verstarb bei der Geburt des vierten Kindes. Julius nahm sich eine 18 jährige zur Frau. Sie hieß Amalie. Mit ihr hatte er noch sieben Kinder, zwei verstarben aus der ersten Ehe.

 

Großvater war ein frommer Mann. Er durfte Nottaufen durchführen. Abends kamen die Leute zur Andacht oder bei schlechtem Wetter auch sonntags. Die meisten Familien waren deutsch, vereinzelt gab es dort Tschechen oder Russen. In der Bibel hatte er die Familienchronik eingetragen, leider ist sie abhanden gekommen.

 

Er war ein Wandervogel, ließ sich als Dolmetscher auf deinem Dampfer nach Amerika anwerben. Seine Sprachkenntnisse: deutsch, polnisch und russisch waren nützlich. Die Amerikaner lebten zu sündhaft, denn sie hatten damals schon Hemden, die man nach mehrmaligem Gebrauch einfach weg warf. Oder übriggebliebenes Bratenfett ins Feuer gegossen wurde. Wo so viele Menschen hungern ist das gegen Gottes Gesetz.

 

Im ersten Weltkrieg mussten alle Deutschen die Ukraine verlassen. Sie sollten nach Sibirien transportiert werden. Frauen und Kinder getrennt von den Männern. Alle trafen sich aber glücklicherweise in Kiew wieder. So beschlossen sie wieder nach Süd-Ostpreußen zurück zu fahren. Hier lernten sich meine Eltern kennen. Am 08.06.1919 haben sie geheiratet. Ein Vorarbeiter aus Mecklenburg suchte Landarbeiter. Sie fuhren mit nach Staven bei Neubrandenburg. Mein Vater holte seine 67 jährige Mutter Rosalie und den Bruder meiner Mutter, Onkel Albert, schwarz über die Grenze. Auch seine Nichte Alwine.

 

Am 22.04.1921 ist Hedwig in Staven geboren, am 11.10.1922 Reinhold. Mein Geburtsort ist Roggenhagen, 28.09.1924. Später zogen wir nach Luisenhof, hier kam Alfred am 17.07.1928 zur Welt. Als der erste Zeppelin über den Ort flog, kippte er mit dem hochbeinigen Kinderwagen um, weil ihn Hedwig vor Aufregung los lies. Das Luftschiff war eine Sensation. Die Reaktion meiner Großmutter war: „Nun fliegt der Kiebusch (Teufel) schon öffentlich umher“. Als Onkel Adolf aus Hamburg uns einen Volksempfänger brachte, war auch dieses Radio Teufelskram. Da meine Großmutter sehr fromm war, wurde vor und nach dem Essen gebetet, sowie vor und nach dem Schlafen.

 

Obgleich wir inzwischen sieben Personen waren und Großmutter keine Rente erhielt, waren wir als gastfreundlich bekannt. Früher zogen Männer mit einem Bauchladen übers Land. Bei Bedarf klappten sie den Kasten auf und darin war Stopfgarn, Schürsenkel, Gummiband, Knöpfe usw.  Oder Musikanten erschienen, sowie ein Mann mit einem Tanzbären und Affen. Nur der Lumpenmann hatte es immer eilig. Einmal im Jahr revanchierte er sich mit einer Sammeltasse. Alle Fremden kehrten gerne bei uns ein.

 

In der Winterszeit wurde gebastelt. Aus Zeitungspapier haben wir Spitzenmuster geschnitten. Diese hefteten wir als Zierde im Küchenschrank an die Bretter. Am Heiligabend führten die großen Jungen in jeder Wohnung kleine Spiele auf. Dafür erhielten sie Äpfel, Nüsse usw.  Dies brachten sie dann zu einer Familie mit elf Kindern. Uns bescherte das Christkind erst am ersten Weihnachtstag. Die Geschenke lagen unter dem Weihnachtsbaum, der nicht nur mit Kugeln, Lametta und Engelhaar bestückt war, sondern auch  mit Süßigkeiten. Nach dem 6. Januar haben wir ihn deshalb gern geplündert.  Unser Vater baute uns einen großen Schlitten, hier hatten wir alle vier Platz. Reinhold fuhr aber lieber mit einem Peikschlitten, man konnte notdürftig drauf sitzen, sonst stand man mit den Füßen darauf. Vorne war das Holz gebogen. Ein langer Stab war mit Eisenspitze versehen. Diesen Stock steckte man zwischen die Beine und dann sausten sie los.

 

Im Luisenhof hatten wir nur zwei Zimmer und eine Küche mit einem großen Räucherschornstein über dem Herd. Hier wurden abends die Schinken und Würste geräuchert. Dafür wurden besondere Sägespäne aufbewahrt. Der Rauch zog auch ins Zimmer. Damals waren noch keine Holzdielen, sondern Ziegelsteine als Fußboden. Diese Ziegel und Lackschuhe rieb man mit Milch ein und sie waren blank. Später gab es Linoleum und Bohnerwachs. 

 

Viermal in der Woche kamen an unterschiedlichen Tagen zwei Kaufleute mit einem Planwagen ins Dorf. Zusätzlich brachte sonnabends der Schlachter seine Waren und sonntags der Bäcker. Beide besaßen schon ein Auto.  Auf dem Hausboden lagerte das Heu, hier wurden auch die Äpfel aufbewahrt. Sie schmeckten dadurch besonders gut und der Duft zog durch das ganze Haus.

 

Für eineinhalb Jahre zogen wir nach Hohenmin. Hier wurde am 07.07.1938 Erich geboren. Wir mussten zwei Kilometer bis zur Schule gehen. Bei Regenwetter hatten wir Galoschen über unsere Schuhe gezogen, die mit zwei Knöpfen geschlossen wurden.  Trainingsanzüge kamen in Mode, man hatte darin ständig ausgebeulte Knie. Im November 1938 zogen wir auf die Insel Werder.

 

Im Krieg und noch lange danach gab es Lebensmittelkarten und Bezugscheine für Schuhe und Kleidung. Eigentlich konnte unser Vater so ziemlich alles. Er besohlte unsere Schuhe, hat Körbe geflochten, Besen aus Pferdehaaren gebunden oder eine Kartoffelreibe selbst geformt und ausgestanzt. Eine Darre entstand aus vier Brettern in der Größe einer Matratze. Der Boden wurde aus Weidenruten geflochten. Die Erde musste passend dazu ausgehoben werden, Feuer wurde entfacht. Auf die Darre kamen Pflaumen, kleingeschnittene Apfel- oder Birnenstücke. Dieses Backobst holte ein Kaufmann aus Malchow ab. Wir erhielten dafür andere Lebensmittel. Auch Sirup, Kartoffelmehl und Seife stellten wir selber her.

 

Mit 16 Jahren wurde euer Vater (mein Opa) zur Wehrmacht eingezogen. Im Spätsommer 1945 kam er zurück. Die Dorfjugend hat ihm einige Begrüßungslieder gesungen, er war sehr beliebt. Wir wohnten damals schon in Alt-Schwerin. Die Russen kamen zu jeder Tages- u. Nachtzeit. Wir konnten uns zwar immer auf dem Boden verstecken, aber es war zu aufregend. Deutsche Kriegsgefangene und wir mussten die Bahnschienen abbauen. Mit dem Gewehr standen die Russen hinter uns. Weil euer Opa gut russisch konnte, blieben wir von Vergewaltigungen verschont… Von Karow bis Neubrandenburg kamen alle Gleise nach Russland. 1964 wurde die Strecke niedergelegt. Erst fuhren Güter- und dann Personenzüge. Ihr musstet so lange immer von Karow abgeholt werden.

 

Als das Land aufgeteilt wurde, fehlten in der Saison Arbeitskräfte. Landmaschinen gab es keine. Pferde und Leiterwagen wurden anfangs ausgeliehen, auch die einzige Dreschmaschine. So haben wir erst im Winter das Korn gedroschen. Zu uns kamen die Helfer gerne, denn wir konnten ihnen gutes Essen bieten. Der Gastwirt Reimer und mein Vater gingen zur Wildschweinjagd. Unser Hund Nuppi war abgerichtet das Schwein festzuhalten. Mit einer langen Pike haben die Männer das Schwein getötet. Gehungert haben wir auch in der schlechten Zeit nicht.

 

Der erste Mann meiner Schwester ist im März 1943 gefallen. Als sie am 08.10.1948 zum zweiten Mal geheiratet hat, wurde Schnaps gebrannt aus Weizen und Kartoffeln. Die Vorrichtung für diese Schwarzbrennerei hat euer Opa ebenfalls gebaut. Likör entstand durch Zusatz von Fruchtsaft oder Essenz aus der Drogerie.

 

Im September 1949 haben eure Eltern geheiratet. Bevor sie in die Kirche gingen, wurde ein frommes Lied gespielt. Nach der Trauung erklang Marschmusik. Die Kapelle spielte bis sechs Uhr morgens. Auf jeder Hochzeit bekam die Köchin einen Ehrentanz, bei diesem durften alle Einwohner mittanzen. So gehört es sich, meinte eure Oma. An spätere Begebenheiten könnt ihr euch besser selber erinnern.“

Leider habe ich meine Großeltern nie kennengelernt, da beide früh verstarben. Dank Tante Erna habe ich aber noch einige Fotos und habe festgestellt, dass ich besonders meinem Opa sehr ähnlich sehe, wie auch mein Vater. Dies war nur ein kleiner Auszug aus meiner Familienchronik, ich sollte mir an ihr ein Beispiel nehmen und ebenfalls all die schönen und auch traurigen Momente festhalten.

 

Vielen Dank für das geduldige Lesen und anteilnehmen am Lauf der Dinge unserer Familie!

 

Licht & Liebe, Frauke.

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